Birte Endrejats Random Conversations

Elke Bippus

Random Conversations1 lautet der Titel, den Birte Endrejat ihrer Installation gegeben hat: einer Fallblattanzeige im Foyer der neuen Minna-Cauer-Schule im Berliner Ortsteil Mariendorf. Fallblattanzeigetafeln waren bis vor kurzem gängige Informationsmedien in öffentlichen Räumen des Transits. Kaum zu übersehen und zu überhören, generierten die rotierenden Lamellen Abfahrtszeiten, Zug- oder Flugnummern, Destinationen und Bahngleise oder Gates. Random Conversations verhält sich dagegen still und zurückhaltend: Nur viermal täglich verändert sich die Anzeige des 14 Meter langen Displays, um Fragen von Schüler:-, Lehrer:-, Mitarbeiter:innen und Eltern anzuzeigen. Die Fragen adressieren die Schule als Gebäude, die Idee Schule oder die Schule als Institution:

Kann ich mich in dir bewegen? Freust du dich über deinen neuen Namen? Warum soll ich zu dir kommen? Magst du Talahons? Wer sind deine Eltern? Warum muss es dich geben? Warum gibt es dich überhaupt? Was tust du gegen Mobbing und Rassismus? Hast du einen Krieg erlebt? Was bedeutet eigentlich gebildet zu sein? Fastest du im Monat Ramadan? Welche Sprachen kannst du sprechen? Was ist die Bedeutung von Liebe? Bist du ein guter Zuhörer? Baklava oder Baklavaki?

Im Unterschied zu den mehrzeiligen Fallblattanzeigen in Bahnhöfen und Flughäfen werden die Fragen in nur einer Zeile angezeigt. Das lange Band verläuft über einer Verbindungstür und den Schließfächern im Foyer der Schule. Die Fragen erscheinen auf der Anzeige an unterschiedlichen Positionen, mal eher zentriert, mal mehr zur rechten oder linken Begrenzung. Manche der weißen Lettern stehen auf violettem, blauem, rotem oder grünem Grund, ebenso finden sich violette Lettern auf roséfarbenem Grund. Die Heterogenität der Lettern und die Länge der Anzeige stören die bloße Informationsaufnahme zugunsten eines Lesens, das mit einem ästhetischen Sehen verbunden ist. Die Fragen, die bei einem schnellen Wechsel als belanglos übergangen werden könnten, fordern durch ihre ästhetische Gestaltung und die Dauer ihrer stillen Präsenz dazu auf, über sie nachzudenken, ihnen gleichsam zuzuhören. Die Anonymisierung der Fragen verhindert zudem eine identifizierende Annäherung an sie. Eine solche schließt Frage und Person zumeist in konstatierenden stereotypen Zuschreibungen kurz – in dem Sinne: Das ist ja klar, dass die oder der dies oder jenes fragt! 

Den ästhetischen Strategien des verlangsamenden Lesens vergleichbar, ist Birte Endrejat in den zwei Jahren vorgegangen, in denen sie mit den Jugendlichen den Fragenkatalog erstellt und das installative Projekt realisiert hat. Seit Herbst 2024 erarbeitet sie in Workshops und kleinen Events mit der Schulgemeinschaft die Fragen. Sie forderte die Beteiligten auf, „mindestens zehn Fragen zu schreiben“,2 realisierte mit den Schüler:innen verschiedene Visualisierungen und entwickelte mit ihnen Präsentationsweisen – in Sprechblasen an einem Holzgestell, auf Postkarten sowie auf Postern. Zudem kontextualisierte Birte Endrejat ihr künstlerisches Projekt, indem sie mit den Schüler:innen ein Kunstmuseum und ein Kunst-am-Bau-Projekt eines Schulneubaus besuchte. Mit diesen Strategien konnte sie einen Prozess initiieren, in dem auf die typischen Standardfragen herausfordernde und interessante Fragen folgten, die eine (mit-)denkende Konversation anzuregen vermögen. Eine Konversation, die einen zufälligen, vor allem aber unerwarteten Austausch darüber ermöglicht, warum es Schule gibt, oder dazu einlädt, über die Frage nachzudenken, ob ich Talahons mag – einen vielfach diskutierten und unterschiedlich kontextualisierten Begriff, der je nach Kontext eine andere Bedeutung oder Stoßrichtung annehmen kann. Zurückgehen soll er auf die Selbstbezeichnung „(…) von überwiegend jungen Männern mit Migrationshintergrund“3 und er wird zugleich auf einen Kleidungsstil bezogen, der durch TikTok eine große Verbreitung fand. Manche der unter dem Trend veröffentlichten Inhalte werden als gewaltverherrlichend und frauenfeindlich kritisiert.4 Die Frage provoziert durch die Art ihrer Fragestellung: Lässt sie sich einfach mit Ja oder Nein beantworten? Welche Kontextualisierungen und Reflexionen sind in dieses Geschmacksurteil einzubeziehen? 

Die gesammelten Fragen formulieren verschiedene Wissen – Wissen ist hier im Plural verstanden, wie es die Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway mit ihrer Konzeption der situated knowledges5 ins Spiel gebracht hat, um der Vorstellung eines vermeintlich universalen und objektiven Wissens zu widersprechen und die Situiertheit und Partialität von Wissen zu diskutieren. Wissen, die situiert sind und gerade hierdurch mit verschiedenen kulturellen und sozialen Kontexten verbunden sind und Unerwartetes eröffnen können; Kontexte, die uns entgehen, wenn wir den institutionalisierten und normierten Wissensschätzen der Schule allein folgen. Dies heißt nicht, den Kanon der Schule über Bord zu werfen, sondern den Wissen und Wissensformen Raum zu geben und etwa zu fragen: Welche Sprachen sprechen wir und warum gerade diese? Welche Sprachen und welches Sprechen bleiben außen vor? Ist Sprache auf das gesprochene und geschriebene Wort zu reduzieren? Ist Sprache nicht auch ein System von Zeichenprozessen, das bildliche, akustische, körperliche Ausdrucksformen zur Verständigung und zur Bildung von Gedanken einbezieht? Zu welchem Sprechen werden wir befähigt?

Birte Endrejats Random Conversations lässt sich aus der eben skizzierten Perspektive als ein hegemoniekritisches, emanzipatorisches Projekt charakterisieren.6 Kulturelle Hegemonie, dies hat Antonio Gramsci theoretisch gefasst, stellt sich nicht in erster Linie durch Zwang her, sondern durch Zustimmung und ein geteiltes Selbstverständnis, durch das eine gesellschaftliche Ordnung Deutungshoheit über Werte, Moral und Alltagsverstand erlangt. Eine herrschende Ordnung lebt demnach von Konsens, das heißt von der Fähigkeit, Interessen und Werte zu verallgemeinern, so dass sie kollektiv internalisiert und gleichsam als natürlich und selbstverständlich angenommen werden. Die Institution Schule spielt in der Herstellung von Konsens eine zentrale Rolle. Sie definiert wissenswertes Wissen und setzt bestimmtes Wissen als selbstverständlich und unhinterfragt voraus. Die Frage Fastest du im Monat Ramadan? vermittelt aus dieser Perspektive ihre hegemoniekritische Dimension. 

Random Conversations versteht sich als ein partizipatorisches Projekt, das weniger eine bloße Teilnahme sucht, die damit verbunden ist, sich bestimmten Normen einzufügen und dem Konsens zuzustimmen, als vielmehr eine Teilhabe etablieren möchte, in der sich Kritik immanent konstituiert und Konsensprozesse hegemoniekritisch reflektiert werden. Auf diese Weise können die Schüler:innen gestaltend an der Institution Schule teilhaben.7

Durch seine partizipative Praxis ist das Projekt nicht auf das autonome Kunstobjekt ausgerichtet, sondern eröffnet mit künstlerischen Praktiken und Ästhetiken Möglichkeiten von Beziehungen, Kommunikation und im besten Fall gemeinsames Handeln. Künstler:innen wie Suzanne Lacy, Mark Dion oder WochenKlausur sind bekannt für solche langfristigen prozessualen Projekte, die als Social Art oder New Genre Public Art8 bestimmt sind und sich aus der Konzeptkunst, der feministischen Performance und Community Art der 1960er und 1970er Jahre entwickelt haben. Der Kunsthistoriker Grant Kester versteht solche Projekte als Conversation Pieces und attestiert diesen eine dialogische Ästhetik.9 Ein künstlerisches Werk verdankt sich aus dieser Perspektive einem zeitlichen Prozess der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Akteur:innen sowie Prozessen des Zuhörens, der Verhandlung und des gemeinsamen Handelns. Damit verschiebt sich auch die traditionelle Rollenverteilung zwischen Künstler:in, Publikum und Werk. Die Beteiligten werden nicht länger ausschließlich als Produzent:in und Rezipient:in verstanden, sondern als Ko-Akteur:innen eines offenen sozialen Prozesses. 

Birte Endrejat initiiert mit Random Conversations soziale Prozesse, die aus Fragen hervorgehen, die unser Wissen betreffen und die das Potenzial haben, eine Praxis der geteilten Wissensproduktion anzuregen und Schule als einen Raum für unsere Wissen entstehen zu lassen. 

1 Vgl. Projekt-Webseite: https://random-conversations.com

2 Gespräch zwischen Birte Endrejat und Anna-Lena Wenzel, 2026: „Das Projekt war von Anfang an in die Zukunft gedacht“, in: Random Conversations. Künstlerin Birte Endrejat, Kunst und Bau Nummer 14 (2026), hrsg. von Vera Ida Müller. Berlin, St. Gallen: Vexer Verlag.

3 Wikipedia-Eintrag, https://de.wikipedia.org/wiki/Talahon [zuletzt aufgerufen am 28.08.2026]

4 Vgl. ebd.

5 Donna Haraway, 1988: „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“, 575–599, in: Feminist Studies 14 (3, Autumn 1988).

6 Das Projekt in dieser Perspektive eng zu führen, wurde mit ausgelöst durch meine Lektüre eines pädagogisch-kunstbasierten Forschungsvorhabens, das sich hegemonialen Aushandlungsprozessen in Kunstunterricht und schulischer Kulturvermittlung widmen möchte und sich dabei auf Antonio Gramsci bezieht. Mein Dank geht an die Autor:innen des Antrags.

7 Zur Differenzierung von Teilnahme und Teilhabe vgl. Elke Bippus, Christoph Brunner und Roberto Nigro, 2023: „Formen teilhabender Kritik: Philosophische, mediale und künstlerische Perspektiven“, 193–209, in: Mediale Teilhabe. Partizipation zwischen Anspruch und Inanspruchnahme, hrsg. von Beate Ochsner. Lüneburg: meson press. Online: https://doi.org/10.5281/zenodo.11126079. [Zuletzt aufgerufen: 15.09.2026].

8 Suzanne Lacy hat diese Bezeichnung geprägt und damit künstlerische Projekte im öffentlichen Raum charakterisiert, die sich von einer Skulptur in einem Park oder öffentlichen Platz unterscheiden. New Genre Public Art ist öffentlich orientiert, prozessual und sozial engagiert, sie entsteht oft außerhalb institutioneller Strukturen und bringt die Künstler:in häufig in direkten Austausch mit dem Publikum. Vgl. hierzu: Suzanne Lacy (Hrsg.), 1994: Mapping the Terrain: New Genre Public Art. Seattle: Bay Press.

9 Grant Kester, 2004: Conversation Pieces. Community and Communication in Modern Art. Berkeley, Los Angeles: University of California Press.